Geschichtsverbund Thüringen
Arbeitsgemeinschaft zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Neue Ausgabe der Zeitschrift „Gerbergasse 18“ mit Schwerpunkt Christen in der DDR erschienen

In Europa herrscht – wieder – Krieg, Millionen Menschen sind zur Flucht gezwungen, Tod und Leid zerreißen Familien. Der schändliche Überfall des russischen Regimes auf die Ukraine hat – über 30 Jahre nach Ende des „Kalten Krieges“ – sogar die Schreckensvision eines Atomkrieges zurückgebracht. Der pazifistische Wunsch „Nie wieder Krieg“ wirkt gegenwärtig wie eine naive Hoffnung, während über Militärmilliarden und Waffenlieferungen diskutiert wird. „Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein!“ Das war und ist der Leitsatz, der Christen in ihrem Nein gegenüber Kriegsrhetorik und Aufrüstungslogik immer bestärkte. Angesichts der Kriegsgräuel ist die christliche Friedensbotschaft dringender denn je. Umgekehrt lässt sich fragen: Welchen Platz haben aktuell die Erfahrungen des gewaltlosen Widerstands in der DDR, während Bomben ukrainische Städte dem Erdboden gleich machen?

Mit der neuen Ausgabe der „Gerbergasse 18“ werden Lebenswege, Glauben und Handlungsspielräume von Christinnen und Christen in der DDR in den Mittelpunkt gerückt. Die kirchenfeindliche Politik der SED zeigte sich nicht nur in symbolischen Akten wie dem Abriss oder der Sprengung von Kirchen, sondern vor allem in der Diskrepanz zwischen verordneter Friedenspropaganda und wachsender Militarisierung. gleichwohl die Gründe für die Konfessionslosigkeit in Ostdeutschland vielschichtiger sind. Heute finden sich beide großen Kirchen in einer Minderheitenposition wieder, jüngste Zahlen gehen von weniger als 50 Prozent Kirchenbindung in Deutschland aus. Ende der 1980er Jahre haben kirchliche Frei- und Denkräume die Friedliche Revolution vorbereitet und ermöglicht. Kirche war jung, plural, streitbar, so wie davor und danach nicht mehr. Spät, 2017 und 2020, reagierte die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland mit einem Bußwort und einem Fonds, um gegenüber verfolgten kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bislang vermisste Anerkennung und Würdigung auszudrücken, um begangenes Unrecht, auch seitens der Institution Kirche, festzustellen und sichtbar zu machen.

Weitere Beiträge im Heft beschäftigen sich unter anderem mit dem Eisenbahnunfall von Langenweddingen 1967, der schwersten Zugkatastrophe in der DDR, mit dem Alltag von Kindern und Jugendlichen in DDR-Behinderteneinrichtungen sowie mit der Debatte um die NATO-Osterweiterung, in der Kriegsnarrative und Mythenbildung aufeinander treffen.

Die neue Ausgabe der „Gerbergasse 18“ (Heft 102) ist im lokalen Buchhandel oder direkt über die Geschichtswerkstatt Jena erhältlich.