Geschichtsverbund Thüringen
Arbeitsgemeinschaft zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Neue Ausgabe der „Gerbergasse 18“ erschienen / Schwerpunkt: Politische Haft

Politische Haft ist kein historisches Phänomen. Das zeigt schon der Blick auf die wachsende Zahl an Haftliteratur, die weltweit entsteht, vor allem in autoritären Staaten. Waren im 20. Jahrhundert vor allem „staatsgefährdende“ Schriftsteller und Publizisten betroffen, werden im 21. Jahrhundert zunehmend Autoren, Aktivisten und Künstler angegriffen, die online aktiv sind. So wie der saudische Blogger Raif Badawi, der seit über acht Jahren in Haft ist und vom dem es seit Januar kein Lebenszeichen mehr gibt. Badawi hatte sein Heimatland für mangelnde Religions- und Meinungsfreiheit kritisiert, das Urteil gegen ihn gab seinem Buch den Titel: 10 Jahre und 1000 Peitschenhiebe. Sein Fall und der Protest von Menschenrechtsgruppen gegen seine fortgesetzte Inhaftierung wird im neuen Heft vorgestellt.

Auch in der DDR gab es sie offiziell nicht, die „Politischen“. Sie galten als kriminell, teilten mit allen anderen Häftlingen Zellen und Gefängnisse. Angeklagt und verurteilt wurden sie aber mit politischen Paragrafen, ausgelegt und zurechtgebogen als „Verbrechen gegen die Deutsche Demokratische Republik“. Darunter zählten etwa „Ungesetzliche Sammlung von Nachrichten“, „Staatsfeindliche Verbindungen“ oder „Ungesetzlicher Grenzübertritt“. Wie viele Opfer die politische Justiz in der SBZ und der DDR fabriziert hat, ist bis heute nicht bekannt. Schätzungen reichen bis zu 250000 Personen im Zeitraum zwischen 1949 und 1989. Momentan recherchiert ein Teilprojekt des Forschungsverbundes „Landschaften der Verfolgung“, um die konkrete Zahl in einer Datenbank zu erfassen.

Weitere Beiträgen im Heft beschäftigen sich mit unterschiedlichen Themen und Fragestellungen, so der Geschichte des Jugendwerkhofs Königstein nahe Dresden, dem Ende der Stasi-Kreisdienststelle in Jena im Dezember 1989 oder einem Rückblick des ehemaligen Erlanger Oberbürgermeisterd Dietmar Hahlweg auf die Ereignisse 1989/90 und die Bedeutung der Städtepartnerschaft. Ein persönlicher Bericht des Fotografen Michael Kerstgens über seine Bildreportage in Mühlhausen 1990 diskutiert die spannende Frage, wie wir uns anhand von Fotografien erinnern können und wollen.

Die neue Ausgabe der „Gerbergasse 18“ (Heft 94) ist im lokalen Buchhandel, ausgewählten Museen/Gedenkstätten (in Thüringen) oder direkt über die Geschichtswerkstatt Jena erhältlich: www.geschichtswerkstatt-jena.de